::: Die Entwicklung des Filmstadt Inferno ’99 – der Ultrasszene in Babelsberg — Auszug-ULTRASH Unfug 2010 :::

Kurzabriss:
Hauptakteure der Entstehung dieser Szene waren einige Jugendliche, die zusammen in einem Wohngebiet lebten, Fußball spielten und natürlich auch Fußball guckten. Seit dem letzten Verbandsligajahr (95/96) ging man zum SV Babelsberg 03, stieg in die Oberliga auf und interessierte sich mit dem darauf folgendem Aufstieg in die Regionalliga Nordost immer mehr für den Verein. Ins Karli (Karl-Liebknecht-Stadion) zog es nun größere und bekanntere Fangruppen. So bauten wir ein „Fanbewusstsein“ auf, in dem wir uns für verschiedenste Fanszenen, Fanzines und dem ganzen drum herum interessierten.
Da wir keine lose Fanmenge mehr sein und aktiv mitwirken wollten, wurden im zweiten Jahr der Regionalliga kurzerhand einige „ältere“ Nulldrei-Fans gefragt, was sie von einem Fanclub hielten und schon entstand im Jahre 1998 der FC Munke. Der nach einem Arbeiterviertel benannte und aus jungen und älteren Fans bestehende Fanclub war seiner Zeit der erste in Babelsberg. Aus fantechnischer Sicht begann nun die nächste Lehrzeit, denn gerade das verstärkt betriebene Groundhopping ließ die Faszination für bunte und laute Fankurven wachsen. Auch in unseren Gefilden verbreitete sich dieser Lifestyle, sodass wir zunehmend erlebnisorientierter wurden. Erste Choreoversuche erfolgten, akustisch entwickelten wir uns immer weiter fort und des öfteren zogen Rauchschwaden vom Karli in den Babelsberger Park. Ja, das war unsere Welt! Die Babelsberger Fanszene begann aufzublühen.
Die anbrechende Regionalligasaison 99/00 stand ganz im Zeichen der Ultramanie. Da der FC Munke für unseren extremen Supportgedanken nicht mehr viel zu bieten hatte, gründeten sieben Personen im Alter von 17-30 Jahren am 28.September das Filmstadt Inferno´99 (kurz FI99). Wir waren und sind es nach wie vor: klar ultraorientiert, gewaltfrei und antirassistisch. Darauf wollten und wollen wir in Zukunft auch besonderen Wert legen. Die Mitglieder trugen größtenteils alternatives Gedankengut in sich und wir waren nicht die typische Modeerscheinung in Bomberjacken und Anglerhüten mit Prollverhalten. Peu à peu entstanden Transparente, Doppelhalter, Schwenkfahnen und nach der einem weiteren Zuwachs auch eine Blockfahne und die Internetseite. Die Mannschaft spielt hervorragenden Fußball und qualifizierte sich für die neue Dritte Liga. Inzwischen hatte das Filmstadt Inferno´99 über 15 Mitglieder.
Mit dem Jahr in der Regionalliga Nord 00/01 begann die wohl beste Fußballsaison. Toller Fußball und ein in Babelsberg noch nie da gewesener Support der Fans. Gegen Traditionsmannschaften mit teilweise großen Fanszenen konnten wir uns nun beweisen. Dabei besannen wir uns auf kreativen Support, ohne hirnlose Sprüche und Gesänge, der Ruf eine gewaltfreie und alternative Fanszene zu haben wurde gefestigt. In nahezu fast jedem Spiel wurde Pyro gezündet. Dadurch entstanden die ersten Probleme mit Verein, Ordnungskräften und DFB. Wir waren endgültig im „bezahlten Fußball“ angekommen.
Mit dem überraschendem Aufstieg in die Zweite Liga konnten sich viele Fans und Ultras nicht so recht anfreunden. Immerhin sollte damit auch der Kommerz, die Erfolgsfans (oder ungebetene Gäste wie Rassisten) und zunehmende Überwachung bzw. Sicherheit Einzug halten. Und so kam es, wie es kommen musste. Sinnlose Fanartikel, teure Eintrittspreise, keine Fanutensilien, wie Doppelhalter und Schwenkfahnen bei den Auswärtsspielen und Ordnerschikanen auch im eigenen Stadion. Positiv bleibt: Das Stadion bekam endlich Flutlicht, mit dem Fanprojekt entstand ein Fanladen, es wurden viele Choreographien, Pyroshows und Fanaktionen geplant, einige darunter mit den Idefixern. Das FI99 wuchs auf über 30 Mitglieder an.
Nach dem sang- und klanglosen Abstieg spielte die Mannschaft des SVB 03 in der Regionalliga, trotz der vielen altbewährten Spieler, einen absoluten Müll zusammen. Hinzu kamen große wirtschaftliche Probleme ab der Winterpause, Anti-Pyro-Kampagnen und Vereinsentscheidungen, die so manchen Fan mit dem Kopf schütteln ließen. Das Filmstadt Inferno´99 hingegen bekam immer mehr personellen Zuwachs. Zuerst löste sich die ultraorientierte Gruppe Idefix auf, wo die Aktiven im FI unterkamen. Als nächstes folgten die aktiven Leute der Karlifreaks und Nova Generatios. Das FI99 entwickelte sich zu herausragenden Gruppierung bei den jüngeren Fans und wuchs auf über 40 Mitglieder an. Trotz dessen, oder genau deswegen, erfolgte eine Flaute, die mehr mit einer Grundsatzdiskussion zu tun hatte. Pyroshows, Choreographien und akustischer Support bestimmten zwar immer noch die Interessen der Ultras, auswärts und teilweise auch zu Hause im Karli blieb man den Erwartungen mit Hinblick eines Fanladens (damit verbunden einen Raum zum Planen und Ausarbeiten von Aktionen) und gestiegener Mitgliederzahl stark zurück. In der Winterpause 02/03 erfolgte der Umbruch des FI99. Nicht nur das vermehrt auf politische Arbeit wert gelegt wurde, auch wurden junge BabelsbergerInnen, die sich dem FI99 verpflichtet fühlten, stärker in die Arbeit einbezogen. Daraus entwickelte sich, dass es nun einen festen Personenkreis (trotz alledem meist zu wenige) gab, der sich um Choreographien kümmerte. Neue Schwenkfahnen, Gesänge und Aufkleber zierten die Kurven und Straßen der Stadien und Städte. Mitte der Rückrunde entstand die Ultra-Postille „Ultra-Unfug“, die zu jedem Heimspiel für einen geringen Preis in Umlauf gebracht wurde. In der Öffentlichkeit war das Filmstadt Inferno´99 wieder präsent. Ein Anheizer nahm die letzten Spiele auf dem Zaun Platz und die erste Skepsis der Nordkurve verflog mit dem beachtlichen Steigen der Stimmung. Selbst Insolvenz des Vereins und das schlechte Abschneiden des Teams konnten den Höhenflug der Fankurve nicht bremsen.
Der Abstieg in die Oberliga Nord/Nordost erfolgte zum Sommer 2003. Für viele überhaupt kein Problem, wollten wir doch wieder ordentlichen Fußball, keinen übermäßigen Kommerz und geringe Anfahrtswege haben. Einige Fans des SV Babelsberg 03 durften nach der abgewendeten Pleite des Vereins wichtige Aufgaben übernehmen (Marketing und Stadionheft) und saßen im Aufsichtsrat und Vorstand. Der Elan und die Euphorie sollten und wurden mit in die neue Saison übernommen. Die Mitgliederzahl blieb knapp bei über 40. Das Karli erlebte prächtige Stimmung und in der Oberliga war und ist es nicht verwunderlich, wenn hunderte Babelsberger auswärts ihr Team lautstark unterstützen. Trotz stärkerer Polizeipräsenz scheuten sich die Fans und Ultras nicht, klar gegen Faschismus, Rassismus und Sexismus Stellung zu beziehen.
Nach der ersten Oberliga-Hochphase erfolgte jedoch schnell die Ernüchterung. Der verpatzte Aufstieg und die Aussicht auf weitere Jahre Gurken- Oberliga, verbunden mit Stress und Repressionen ließen einerseits den Zugang zu jüngeren Fans zuschnüren und andererseits die Motivation der älteren Ultragenerationen schwinden. Zwar wurde es durchaus als Erfolg bewertet, dass Rechte in der Nordkurve partout ungeduldet sind und sich – besonders bei den Jugendlichen – ein „alternativer Mainstream“ entwickelte, doch offenbarten diese Zeit auch etliche Schattenseiten. Das Engagement beschränkte sich wie bereits gesagt auf wenige Leute, geringfügige Projekte und punktuelle Spieltage, sodass wir von einer intakten „Bewegung“ weit entfernt waren. Viele junge Leute schienen sich vom Ultra-Lifestyle zu entfernen und interessierten sich lieber für andere „erlebnisorientierte“ Ereignisse. Die Folge waren viele Konflikte und Diskussionen, die für die wenigen Engagierten allerdings mehr als ernüchternd waren. Aus diesen Auseinandersetzungen heraus entwickelte sich aber gerade bei den Personen, die wirklich etwas reißen wollten, eine neue Motivation, sodass drei weitere Jahre Oberliga eine kleinere, aber gleichzeitig gefestigtere Gruppe hinterließen. Dennoch gab es bis auf ein paar Highlights (z.B. ein weiteres 3:2 daheim gegen Union) größtenteils nur Tristesse.
Die Saison 07/08 ließ uns auch endlich mal wieder Regionalligaluft schnuppern. Von dem zum Anfang der Oberligazeit recht großen Ultra-Haufen war nicht mehr viel über geblieben. Die Leute waren zwar hin und wieder wahrzunehmen, aber das Engagement lagerte auf wenigen Schultern, sodass viele Leute, obwohl sie nie offiziell ausgetreten waren, nicht mehr zur Gruppe gezählt wurden. Mit der Regionalliga und dem damit verbundenen Aufeinandertreffen mit namhafteren Teams wuchs die Attraktivität auf Jugendliche wieder, sodass sich diese auch vermehrt in der Nordkurve einfanden. Dennoch blieben viele Potenziale im Argen, obwohl sich die Supportleistung auf den Rängen wieder steigerte und kontinuierlicher gut wurde. Das FI umfasste zwar 20 Leute, die Zahl der Engagierten war aber geringer, was seinen Höhepunkt in der Vorbereitung der größten Choreographie in Babelsberg fand, in dessen Folge viel Frust und Missmut auftraten.
Die Mannschaft schaffte die Relegation in die neue 3. Liga nicht, sodass wir uns in der darauffolgenden Saison zwar weiterhin in der Regionalliga wiederfanden, diese aber nun die dreigeteilte 4. Liga bildete. Die Vorsaison wog immer noch schwer nach, das FI schien aufgrund der wenig aktiv Beteiligten auseinanderzubrechen, der Weiterbestand von Ultra in Babelsberg stand in Frage. Das FI allein bzw. die beteiligten Personen sahen sich nicht mehr in der Lage, ein Ultra-Leben aufrecht zu erhalten. Es passierte einfach zu wenig. Das FI stellte die Gruppenaktivität ein und die wenig Übriggebliebenen konzentrierten sich in der Folge darauf die Kräfte mit den ultra-interessierten Leuten aus dem Dunstkreis zu bündeln. Dies schien für eine Weile zu funktionieren, barg aber neue Konfliktsituationen, da sich ebenso Personen an diesen Treffen beteiligen wollten, die bereits Monate zuvor damit anfingen gegen Ultra in Babelsberg zu arbeiten, indem sie nicht nur immer wieder zu Prahlerei und Mackerverhalten auffielen, sondern darüber hinaus Aktionen behinderten und einen neuen Hooligan-Style zu etablieren versuchten. Der Ultra-Kreis brachte schlussendlich auch nicht den gewünschten Erfolg, da sich relativ schnell auch dort herauskristallisierte, wer aktiv und wer passiv ist. Letztlich setzte sich der aktive Teil der Leute zusammen und entschied sich für die Neubelebung des FI’s, welches in der Folge eben nur noch aktive Mitglieder haben sollte. Somit umfasste das FI 15 Personen. Wahrhaftig gab es eine Belebung der Ultraszene und es gab einen neuen frischen Wind mit vielen neuen Ideen. Diese sind auch bis heute nicht verflogen, man nimmt das FI auch vermehrt in der Außenwirkung (z.B. im Stadtbild) war. Wir haben auch nach wie vor mit Auf und Abs zu kämpfen, Repressionen seitens der Polizei und der Ordner haben in den letzten Jahren stark zugenommen und Pyroaktionen werden wesentlich schärfer sanktioniert.
Und dennoch: Ultra ist auch in Babelsberg zur Subkultur geworden – Ultra in Babelsberg lebt und jede/r kann dazu beitragen, dass dies auch weiterhin so ist – wir wollen eine laute, kreative und bunte Fankurve – wir wollen engagierte Jugendliche, die sich nicht durch Prahlerei und Mackerverhalten profilieren, sondern durch Ideen und Taten!